Erfahrungen der anderen Art}

Erfahrungen der anderen Art

Einlassen, loslassen, weitermachen – Ein Puppenspielprojekt in Afghanistan. Kristiane Balsevicius im Gespräch mit Wieland Jagodzinski

Anlass unserer Neugierde war ein Puppenspielprojekt von Wieland Jagodzinski, das im vergangenen Jahr in Kabul auf Einladung des Goethe-Instituts stattfand. Mehr als vier Wochen war er in Afghanistan.
Wir haben Lust auf ein persönliches Gespräch und machen uns auf den Weg nach Berlin-Mitte.
Puppenspielplakate aus Addis Abeba und Seoul im 6. Stockwerk kündigen die richtige Adresse an. Eine Wohnung voller Erinnerungsstücke, die Geschichten bergen. Der Blick aus dem Fenster: Graupelregen über den Dächern. Tulpen in der Vase welken in bizarre Formen hinein. Wir trinken afghanischen Tee aus marokkanischen Tassen. Ich befestige das Mikrofon auf dem Birkenzweig.
Wieland Jagodzinski erzählt mit Leidenschaft, mit Händen, Füßen, laut, leise, lebhaft, betroffen, engagiert. Am Ende träumen wir gemeinsam von einem Projekt in Bogotá.
Doch der Reihe nach:


Es gab nur eine Antwort auf das Angebot des Goethe-Instituts: ich komme.
Ich hab’ überhaupt keine Bedenken gehabt, nach Kabul zu gehen, obwohl einige Freunde und mir auch sehr nahe Leute gesagt haben, ich sei verrückt. Aber für mich war von Anfang an klar, man musste dort was tun. Erst recht als es darum ging, mit jungen Leuten und für Kinder zu arbeiten.
Ich musste mich natürlich an die Sicherheitsbedingungen des auswärtigen Amtes halten, was völlig normal ist. Darauf wurde sehr geachtet. Ich wohnte im German Guest House, einer wunderbaren Oase auf dem Gelände der Kabul University, und hatte natürlich mein Auto, meinen Fahrer, meinen Übersetzer, die auch ständig an meiner Seite waren. Aber als wir in den ersten Wochen diverse Dinge für die Produktion brauchten und mit dem Pkw unter ständigem Hupen auf den Markt fuhren, dass die Leute zur Seite sprangen, habe ich mich so bescheuert gefühlt und dann doch mit meinem lieben Fahrer und Übersetzer verabredet, lass das Auto hier -stehen, wir laufen. Wir haben uns auf Deutsch unterhalten, weil die Deutschen einen unglaublich guten Stand haben bei den afghanischen Menschen. Das ist traditionell und hat mit der Kaiserzeit zu tun. Jedes dritte Auto in Kabul hat ein deutsches Signet, die schwarz-rot-goldene Flagge drauf. Mit englisch fällt man schon da eher unangenehm auf.
An jeder Ecke stehen Milizionäre oder Leute mit merkwürdigen Uniformen, die eine Kalaschnikow in der Hand schwenken. Und die Anwesenheit der vielen Soldaten ist bedrückend. Aber es ist nicht so, dass man mit Angst geht oder dass man sich fürchtet. Die Leute leben, die Leute lachen. Kabul ist eine Vier-Millionen-Metropole, umgeben von riesigen hohen Bergen, die auch besiedelt sind bis hoch in die Spitzen, und es ist immer wunderschön, nachts da durchzufahren und überall glitzert es. Am Tage ist es manchmal auch bedrückend, weil die Sonne wie ein Feuerball über der Stadt steht. 40 Grad und trockene Hitze – das hat mich manchmal auch belastet, obwohl ich sehr gern in warmen Ländern arbeite. Aber man lebt einfach.

Der vierwöchige Workshop kam auf Bitten der Universität Kabul zustande, des Fine Art College, das gern seinen Studenten mal Puppenspiel beibringen wollte. Es gab in Afghanistan Puppentheater vor 30 Jahren, aber durch die Kriege, die ethnischen Zerwürfnisse und die „islamische Rückbesinnung“ durch die Taliban sind menschliche, gesellschaftliche und kulturelle Identitäten zerstört worden, einfach richtig verschüttet gegangen.
Ich konnte nicht an Erfahrungen anknüpfen. Die Studenten im Alter von 19 bis 28 Jahren sind ja in den Zeiten des Krieges geboren und aufgewachsen. Das sind Dinge, die einem unentwegt durch den Kopf gehen, wenn man in die Augen auch von Kindern blickt – das sind alte Augen, die viel erlebt haben. Es ist wenig Freude darin. Und jede Hand, jede Männerhand, die du schüttelst – da überlegt man sich: Hat die getötet? Auf welcher Seite stand der? Und trotzdem geht man mit den Leuten um.
Es ging sehr schwer los und es gab von Beginn an viel Skepsis gegenüber dem Projekt. Es hieß: „Geh von Deinen Erwartungen zurück, wenn 50% realisierbar sind, kannst Du Dich freuen, rechne aber mit 20%!“
Meine Herangehensweise ist immer, dass wir erst einmal zusammenfinden durch Warming-up und die Schulter, Nacken- und Halsmuskeln für die Führung der Puppen trainieren. Da sagten sie immer: „ Machen wir heute Sport?“
Es bedurfte sehr vieler Anläufe, vieler Spiele, um sie zu lockern, um sie auch zu öffnen. Ganz schwierig! Die Kreativität ist verschüttet.
Obwohl ich vom ersten Tag an gebeten habe, bringt -Material mit, das wir beleben können, hat es neun Tage gebraucht, bis der Erste einen aus Schaumstoff geschnittenen Handpuppenkopf mitbrachte – was ich toll fand! Aber wie gesagt: es hat zu lange gedauert.
Auch das Erfinden von Geschichten. Es sollten Minidramen sein, kleine Geschichten aus Afghanistan, Fabeln, Begebenheiten ..., das war alles unglaublich klein. Wir haben zuerst viel mit der nackten Hand gearbeitet und da war einer dabei, da sah man kaum die Finger über der Spielleiste. Ich sage: „Mr. Ayatollah, wir sehen nichts!!“ Und er antwortet: „Aber ich sehe es doch!“ Später erzählte er mir, dass seine Familie es ihm verbietet, Kunst zu studieren. Das ganze Dorf verbietet es ihm. Und nun lügt er ihnen schon seit Monaten vor, dass er die Koranlehre an der Universität Kabul besuchen würde. Ich habe ihm meine Hochachtung ausgedrückt!
Dann kam der Punkt, wo sie es begriffen, worum es ging und was wir gemeinsam machen wollten. Und eine -Woche vor der Premiere brach völlige Hysterie aus: „Das schaffen wir nicht, weil, wir haben überhaupt nichts gelernt in diesem Workshop.“ Aber das kenne ich auch von unseren Studenten an der Ernst-Busch-Schule! Wenn du im produktiven Prozess steckst, merkst du ja nicht, was du eigentlich schaffst.
Auf der einen Seite gab es die Studenten der Universität Kabul. Die Jungs haben eine wunderbare Szene gefunden. Es ging um eine Bettlerin. Nachdem ein paar Personen vorbeikommen und ihr Geld spenden, wirft eine Schülerin ihr ganz hochnäsig Geld zu. Und die Bettlerin sagt, nein, ich nehme von dir das Geld nicht. Die Schülerin ist arrogant und fragt „wieso?“ und die Bettlerin sagt: „Du kannst in die Schule gehen, ich hatte ein ganz anderes Leben.“ Zum Schluss lädt die Schülerin sie dann ein, in der kleinen Schneiderei ihrer Tante zu arbeiten und vielleicht nähen zu lernen.
Ich wollte gern, dass diese Geschichte durch ihre Wahrhaftigkeit von den zwei Studentinnen gespielt wird, aber die Mädchen haben es dann nicht gemacht, und schließlich sagte mir auch mein Übersetzer: „Herr Jagodzinski, Sie tun denen keinen Gefallen, sie zu zwingen, das zu spielen.“ Dann haben es doch die Jungs gespielt. Ich war traurig, dass ich es nicht geschafft habe, dass ich sie nicht knacken, nicht gewinnen konnte. Aber so ist es.
Auf der anderen Seite waren die Jugendlichen des mobile mini circus for children. Der mmcc ist eine tolle, sehr berühmte NGO-Einrichtung in Afghanistan, von Dänen gegründet. Kinder machen für Kinder Zirkus in Verbindung mit einer tollen Aufklärungsarbeit. Das geht vom Händewaschen vor dem Essen bis hin zum Zähneputzen – was notwendig ist.
Aber die zwei 16jährigen Artisten des mmcc, die verpflichtet worden waren mitzumachen, mochten sich Text und Verabredungen nicht merken. Überhaupt waren die unterschiedlichen Stundenpläne ein großes Problem und immer fehlte einer und dann wieder der nächste. Es blieb mir nichts übrig, als schließlich davon auszugehen, dass jeder jede Rolle können musste, und dann haben sie sich untereinander geeinigt und abgesprochen. Und es hat funktioniert!

Am 18. Juli 2007 war die Premiere und da haben sie das erste Mal miteinander GESPIELT, sich gegenseitig geholfen, souffliert, Puppen zugereicht. Also: eine richtige -Ensembleleistung von den Jugendlichen und Studenten miteinander! – Was Tage und Wochen vorher für sie nur eine lästige Nebenbeschäftigung war. Dass das geklappt hat, hat mich zutiefst berührt und gefreut! Sie waren viel offener untereinander im Unterschied zum Anfang.
Inzwischen sind sie auf dem Kabul Theatre Festival mit der Produktion aufgetreten. Später schrieben sie mir in einer Mail, dass sie nur noch Puppen spielen wollen. Vier Studenten vom letzten Jahr, so die neueste Nachricht, machen nur noch Puppentheater.

Welche Einstellung bzw. Haltung man mitbringen muss, um in so extrem unterschiedlichen Kulturkreisen wie Afghanistan oder auch Äthiopien seinen Auftrag zu erfüllen? Offen sein! Da wird schon die gemeinsame landestypische und nicht immer bekömmliche Mahlzeit in den Arbeitspausen zu einer großen Herausforderung bis Überwindung. Doch sie gehört dazu! Ich muss doch identisch sein mit mir und den Leuten, mit denen ich Puppentheater mache!
Ich sage immer: ich bin nur Euer Gast. Wir wollen mit Spaß Eure Geschichten zeigen, mit euren Mitteln. Da kostet die Inszenierung manchmal nur 86 Euro. Afghanische Stative: Autoreifen, Zement in den inneren Hohlraum, Stock rein! Es funktioniert!
Der Spielschirm aus Bastmatten (auf dem Markt entdeckt), umspannt die Eckpfeiler. Die Schemen der Akteure hinter dem neuen Paravent – toll! Ein Gewinn, eine stimmige ästhetische Lösung der gemeinsamen Suche!

Es macht mir wahnsinnigen Spaß außerhalb Europas zu unterrichten.
Es ist immer ein Prozess mit einer Produktion, bei dem man nicht genau weiß, was am Ende rauskommt. Ich muss mich auf die mentale Befindlichkeit der Darsteller einlassen, auf die Arbeitsbedingungen, auf das, was sie mir anbieten. Das ist tägliche Herausforderung, verlangt stetige Konzentration. Es gilt in manchen Situationen Freundlichkeit wahren und trotzdem mit Nachdruck etwas einfordern.
Manchmal ist es einsam. Man kann keinen Austausch halten über Getanes, Ausprobiertes, Visionen zu Bühne und Puppen, kann sich nicht Auslassen über den Tag, die Spieler, zur Arbeit, zum Leben. Man flucht am Feierabend, um den Frust auszuhalten. Einlassen, loslassen, weitermachen.

Die Abnabelung nach solcherart Projekten ist schmerzhaft! Auf beiden Seiten!
Nach dem unsäglichen Leid, dass man gesehen hat, ist die Rückkehr in die Heimat, wo keine existentielle Bedrohung, sondern Überfluss und „Befindlichkeiten“ den Alltag bestimmen, jedes Mal ein Kulturschock, der lange anhält. Schwer zu ertragen! Da bin ich schon manches Mal explodiert.
Und auf der anderen Seite in all der Armut und dem Elend: diese wahnsinnige Lebensfreude! Aber das Schöne ist: du bist weg und die anderen arbeiten mit den -Erfahrungen weiter, gehen eigene Wege. Es gibt in jedem Land dieser Welt Gründe, mit Puppenspielkunst zu arbeiten, aufzuklären oder einfach nur zu unterhalten. Du hast ihnen Möglichkeiten eröffnet. DAS macht mich glücklich.

(Foto: Wieland Jagodzinski)

erschienen in Puppen, Menschen & Objekte, Ausgabe 2008/1, Nr. 98