Der alte Mann und das Feuer

Peter Schumann und das "Bread and Puppet Theatre"

von Susanne Forster

Peter Schumann, 2011, in seiner Ausstellungsinstallation in München (Foto: V. Derlath)

DER ALTE MANN UND DAS FEUER

Peter Schumann mit seinem „Bread & Puppet Theater“ 14 Tage im Oktober 2011 in München – eine Dokumentation von Susanne Forster, Puppet Players

Was hat es mit dem „Bread“ im Namen dieser Theatergruppe auf sich?
„Theater“, sagt Peter Schumann, „ist eine Lebensnotwendigkeit genau wie Brot.“
Und deshalb bäckt er Brot bei jedem seiner Auftritte. Aus Glover/Vermont in den USA, wo Elka und Peter Schu­mann seit über 40 Jahren wohnen und arbeiten, hat er einen Yoghurtbecher von seinem Sauerteig mit nach München gebracht. Diesen mischt er in einer großen Plastikwanne peu à peu über mehrere Tage mit Roggen­schrot und Wasser. Dann ist die zähe, säuerlich riechende Masse zum Teig aufgequollen. Lange knetet Peter ihn mit starken, geübten Armen.

Im Hof des Stadtmuseums München hat er aus losen Ziegelsteinen einen Backofen mit romanischem Gewölbe gebaut. In dieses Gewölbe schiebt er Buchenscheite und zündet sie an, um die Ziegel zu erhitzen. Mit einer selbstgefertigten Holzplatte wird die Öffnung verschlossen. Neben dem Ofen ist ein langer Tisch auf Böcken aufgestellt, er ist mit Mehl bestreut. Aus der Plastikwanne langt sich Peter mit sicherem Griff 20 gleiche Portionen Teigmasse, formt sie zu Laibern und wälzt sie im Mehl. Mit seinem Taschenmesser ritzt er jedem Laib eine Sonne in die Mitte. Haben die Ziegel genügend Hitze gespei­chert, fegt er mit selbstgefertigtem Besen die Glut aus der Öffnung. Ebenfalls mit selbstgezimmertem langstieligem Brotschieber platziert er nun immer je zwei Laiber in den Ofen. Dann wird die Klappe verschlossen. Eine gute Stunde später sind die zwanzig Brote gebacken, bleiben aber bei geöffneter Klappe noch eine halbe Stunde im Ofen. Schließlich nimmt Peter die fertigen Laiber heraus und ruft zum Essen. Er schneidet den ersten Laib auf und reicht die Scheiben den Anwesenden. Butter, Käse, Sala­mi und gelbe Rüben ergänzen das Mittagsmahl.

Gestärkt bedanke ich mich und sage Adieu. Peter bleibt allein bei seinem Ofen, schürt von neuem ein, denn er hat noch einen zweiten Backgang vor. Am Tor des Stadt­museums schaue ich mich noch einmal um und sehe die zierliche Gestalt mit den weißen wehenden Haaren vor seinem Feuer hocken, das züngelnd aus der Öffnung lodert.

Eröffnung der Ausstellung „Konzentrationskapelle der ungläubigen Puppenspieler mit Wartezimmer für den Nimmerleinstag“ am 19. Oktober um 19 Uhr

Wie ein Frühlingsstrauß kommt eine Truppe junger, singender, tommelnder, Becken schlagender, bunt ge­kleideter, fröhlicher Menschen die Treppe vom ersten Stock herab ins bereits übervolle Foyer des ehrwürdigen Stadtmuseums. Fast unbemerkt mischen sich Elka und Peter Schumann in die Menge. „The Saints are marching in“. Die unbekümmerte Fröhlichkeit teilt sich mit. Das dichtgedrängte Publikum wippt und summt im Takt, alle lächeln. Mehr Stühle werden gestellt. Es sprechen die Direktorin der Stadtmuseums (Frau Dr. Isabella Fehle), der Leiter der Puppentheatersammlung (Manfred Wegner) und der Präsident der Bayerischen Theaterakademie (Prof. Klaus Zehelein).

Nach den Reden geleiten die Musiker die Schlange der Besucher vorbei am freien Weinausschank in die Ausstellungshalle, in dessen Mitte bereits der Bäcker Schumann Brot schneidet und Scheiben an jeden Ein­tretenden austeilt.

Der Eindruck der Bildwelt des Künstlers Schumann ist überwältigend, übermächtig. Das hat nichts mehr mit Kleinkunst zu tun. „Um viele Menschen zu erreichen, müssen unsere Puppen riesig sein, damit sie gesehen werden“, sagt Schumann, der Straßentheatermacher. Über uns von der Decke hängen große Füße, als ob sie uns niederträten. Gegenüber der Eingangstür behaupten sich grobschlächtig, rosa und brutal die Repräsentanten der Macht, der Kirche und des Geldes als Reliefs. Eine schräg in den Raum ragende grimmige Phantasiegestalt begräbt unter ihrem Körper einen Haufen toter Leiber, ineinander verschränkt: Abgetriebene? ein Massengrab? Nirgends ist ein Titel angeboten. Die düsteren Assozi­ationen überfallen die erschreckten Beschauer. Gleich daneben ein gold-gelbes Halbrelief, ein Paradies mit Gestalten, die sich zueinander neigen, sich stützen, lie­bevoll ein Kind in den Armen haltend – auch das hat Peter Schumann thematisiert. Aus den Längsecken drän­gen je zwei mächtige Stiere, die Mitgeschöpfe der zentral hierarchisch getürmten Armseligen und Geknechteten. An der Stirnseite des Eingangs eine Gruppe trauernder Schwarzer, die nach unten in einen Fluss schauen, wo unzählige Tote ins namenlose Nichts treiben. Schumanns Tiefe der Empfindung und sein Leiden an der Unentrinn­barkeit, an unserem Schicksal der Vergänglichkeit, ver­leiht seinem politischen Anliegen eine überzeitliche, anrührende Eindringlichkeit.

Die Bedrückung, die uns angesichts der Exponate ergriffen hat, zerstiebt plötzlich, als Elka Schumann vor der Tapete von brennenden Häusern mit einem Block­flötenton einen kleinen mehrstimmigen Chor zu dirigie­ren beginnt. Fröhlich und beglückend tönen die Stim­men in den Saal. Elka schaut himmelwärts beim Singen, die Gesichter des Chores glühen vor Freude, ich erkenne die Melodie von „Lobet den Herrn“. In Amerika erlebt eine alte Tradition des mehrstimmigen Singens gerade ein Revival, genannt shape-note. Herrliche alte Gesänge werden wieder entdeckt.

Am nächsten Morgen um 8 Uhr ist die Probe für die sieben aus der Schumanntruppe und die 12 Freiwilligen aus München angesagt. Drei Tage später soll die Auffüh­rung im Akademietheater über die Bühne gehen.

Das Theater„Men of Flesh and Cardboard“

20 Uhr Akademietheater München – öffentliche Vor­stellung ausverkauft. Offene Bühne, alles ist in Schwarz und Weiß gehalten. Das Bühnenbild ist als Triptychon gestaltet: rechts und links je zwei überlebensgroße ausgemergelte gemalte Gestalten, im Mittelraum ein schwar­zer Vorhang. Links Musiker und Sprecher samt schwarz bemalten Pappklangröhren. Rechts ein Flipchart mit auf Stoff gemalten Bildern zum Umwenden. Dazwischen mit wehendem weißen Haar, unauffällig aber ständig als Spielleiter auf der Bühne: Peter Schumann. Er sagt das Programm an. Mit einem akzentuierenden, metal­lischen Schlag gibt er Einsätze für Licht und Auftritte. Er verschiebt Bodenscheinwerfer und hilft den Musikanten bei der Erzeugung von Geräuschen. Auf seiner legen­dären Geige begleitet er mit aufreizend gegenläufigen Tönen die marktschreierischen Ankündigungen der Sze­nen. Er führt die Tänzer an. Sein Auftritt als Moritatensänger mit ausgestreckter Zeigehand auf die Flipchart-Plakate deutend, gehört für mich zu den ergreifendsten Momenten des Abends. Statt mit Worten kommentiert er die Stationenbilder mit emotionalen Lauten, die sich bis zur Verzweiflung steigern. Da steht er mit zitterndem Leib, schüttelnden Armen und flehender Stimme, eins mit dem Bild der verängstigten, vertriebenen, verwe­henden Gestalten. Da gibt es keinen falschen Ton. Das Anliegen ist authentisch, die Mittel sind authentisch, die Wiedergabe ist authentisch. Niemals tritt zwischen den Menschen Schumann und sein Tun Pose oder Eitelkeit. Er ist der, der er ist – auch auf der Bühne –, bescheiden und überzeugungseindeutig.

Der Abend besteht aus zwei Teilen. Der erste beschreibt ein Helikopter-Massaker an Zivilisten nahe Bagdad. Im zweiten Teil wird das Schicksal des Soldaten Bradley Man­ning, der diese Aktion publik gemacht hat, geschildert. Seine Geheimhaltepflicht verletzend hat er dieses grau­envolle Ereignis an Wikileaks verraten, sitzt seither unter unmenschlichen Haftbedingungen im Militärgefängnis und wartet auf seinen Prozess vor dem Militärgericht, bei dem ihm wegen Hochverrats die Todesstrafe droht. Hier versucht Schumann mit seinem Protest direkt Ein­fluss auf die Politik zu gewinnen. Die eingegangenen Beschwerden an die Regierung kommen aus aller Welt und haben bereits zu einer Ver besserung der Haftbedingungen geführt. Protest ist also nicht völ­lig vergeblich. Mit Hilfe vor allem von Choreographie und Masken wird die Handlung transportiert. In Massenszenen werden gewalttätige Prügler, hämische Gefängniswär­ter vorgeführt. Schwarze Gestalten machen den 23-jährigen Manning psychisch fertig und reduzieren ihn zu einer flachen Pappfigur. Eine virtuose und komische Tanzeinlage zwischen Militär und Medien sorgt für vorübergehende Entspan­nung. Da Schumanns Anliegen da­rin besteht, Überzeugungsarbeit zu leisten, ist es ihm wichtig, recht viele Menschen für seine Ideen zu gewinnen. Deshalb integriert er im­mer freiwillige junge Mitspieler in seine Vorstellungen. Es ist sicherlich nicht leicht, sein eingespieltes En­semble mit den noch „Ahnungslosen“ in einer Vorstel­lung zu vereinen. Er schreit nicht, wird nicht ungeduldig und hat die Leute alle mit ruhiger Hand im Griff. Um die­sem schlimmen Thema ein heiteres Ende zu verleihen, hüpfen alle 20 Spieler zum Schluss noch auf der Bühne herum, denn „hop and hope“ sind nicht so weit vonei­nander entfernt. Trotz der anfeuernden Musik sind die Münchner Zuschauer nicht mitgehüpft, so wie es sich die Spieler vielleicht erhofft hatten. In Turin, wo die nächste Vorstellung stattfinden wird, führt wahrscheinlich das süd­liche Temperament zu ausgelassenerer Gemeinsamkeit. – Erleichtert und verschwitzt packen die Spieler zusam­men, alles in eine große Kiste. Peter Schumann ver­teilt noch einmal Brot, shape-note-Gesänge erklingen und Peter verkündet: „heute Abend machen wir nichts mehr.“

Diskussion am 24. Oktober um 18 Uhr: „Wieviel Politik verträgt Theater, wieviel Theater verträgt Politik?

Dieses Thema hatte unerwartet viele Besucher in den Ausstellungssaal gelockt. Der Chor des „Münchener Quergesang“ gab passend zum Thema Lieder von Brecht zum Besten. Moderiert von Manfred Wegner, nahmen Peter Schumann, sowie Annette Scheibler und Alberto Garcia Sánchez (beide Ensemble Materialtheater, Stutt­gart) und Marc Amann*, der sich als linker Aktivist be­zeichnete, auf dem Podium Platz.

So berechtigt und elegant obige Frage daherkam, irgendeine schlüssige Antwort war nicht zu erwarten. Die Diskutanten wurden gebeten, ihre Definition von „politischem Theater“ zu geben. Schumann machte sie humoristisch am Arbeitsgang des Puppenbaus deutlich. Amann erzählte von der gesteigerten Kommunikations­freudigkeit bei der Großdemo in Heiligendamm zwi­schen Großpuppenträgern und dem demonstrierenden Publikum. Annette Scheibler sprach und übersetzte die Gedanken ihres Kollegen Alberto Garcia Sánchez in punkto „Volkstheater“ im Gegensatz zum hochsubven­tionierten „Kunsttheater“, das zwar viel beachtet, aber nicht verstanden wird. Straßentheater muss populär sein und muss die Leute mit deren persönlichen Belangen und Problemen ansprechen.

Zu einer Beantwortung obiger Frage kam es nicht, da weder eine theoretische noch prozentuale Messlatte angelegt werden kann. Alles, aber auch alles hängt von dem „WIE“ ab. Wären zum Beispiel Peter Schumanns Puppen, Dekorationen und Choreographien nicht künst­lerisch so eindrucksvoll und vielschichtig gewesen, hätte die politische Aussage so manchem Theaterbesucher platt und aufdringlich erscheinen können.

Nach der Diskussion beschloss Schumann mit seiner Truppe aus den USA ins Hofbräuhaus zu gehen. Er fand auch sofort in der vollen Schwemme einen Tisch für uns – gerade gegenüber der Blaskapelle, in deren Spiel be­geistert jauchzende Ausrufe unserer sangesfreudigen Amerikaner einfielen. Die 8 Maßkrüge wurden gebracht, die Trägerin ob ihrer Kräfte bewundert. Dann kamen die Würsteln und immer wieder die „Gemütlichkeit“. Peter Schumann umringt von seinen Leuten und Fans bestellte eine zweite Maß und Mascha Erbelding, die den ganzen Aufenthalt der Gäste so brillant und mit so viel Charme organisiert hatte, ließ sich noch einen Kaiserschmarrn bringen. Mit vor Lebensfeuer funkelnden Augen verab­schiedete sich Peter von uns. Morgen, so sagte er, wür­de er sein Ensemble noch in die Alte Pinakothek führen zu Altdorfer, das müssten sie doch unbedingt sehen, wo sie nun schon mal in München seien. Danach geht’s mit Sack und Pack nach Turin, dem nächsten Aufführungsort des „Bread & Puppet Theater“.

Einige Zitate:

„Visionär und Theatermacher.“

„Die weltweite Protestbewegung wird seit den 60er Jah­ren immer wieder mit Peter Schumann und dem Bread and Puppet Theater in Verbindung gebracht.“

„... dieses legendäre aufklärerische Schumannsche Thea­ter mit seiner traumatischen Genauigkeit arbeitet auf un­orthodoxe Weise ...“

„Trotz seiner klaren Parteinahme für die Unterdrückten und Unglücklichen, gibt das Bread and Puppet Theater keine Antworten. Die Interpretation ist die Arbeit des Zu­schauers.“

„Die Politik dieses Theaters ist Wahrnehmungspolitik, die Ästhetik der Verantwortung.“

„Peter Schumann macht Aufklärung am Mythos.“

Puppen, Menschen & Objekte, Ausgabe Nr. 105 (2011/2)

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