Abenteuer  Frankenstein}

Abenteuer Frankenstein

von Elke Schweiger, Seifenblasen Figurentheater

Ein Workshop mit Neville Tranter in Turin

Ich las im Rundbrief des VDP von dem Stipendium des Festivals INCANTI in Turin.
Dieses Jahr sollten fünf Studenten bzw. Puppenspieler die Möglichkeit erhalten, innerhalb von drei Wochen eine Adaption von Neville Tranters Frankenstein einzustudieren, mit seinen Figuren und unter seiner Regie.
Am Ende sollte es eine Aufführung auf dem Festival ­geben.
Das war genau, was ich brauchte.
Raus aus dem Solo-Trott! (Seit 15 Jahren spiele ich ausschließlich für Kinder, immer solo.) Mal wieder im Team arbeiten, viele Köpfe, die mitdenken, viele Hände, die zupacken, ein wenig über die eigene Beschränktheit ­hinauskommen und das alles, ohne an wirtschaftliche Rentabilität zu denken!
Dazu kommt, drei Wochen intensive Zusammenarbeit mit Neville Tranter! Für mich ein Traum, den ich mir im wirklichen Leben nicht leisten könnte!
Ich liebe seine Spielweise, diese Perfektion auf der Bühne. Da sitzt jede Bewegung, es wird nicht rumimprovisiert, alles ist Aktion/Reaktion, perfektes Timing, und jede Figur hat ihren eigenen Rhythmus vom Anfang bis zum Schluss, wunderbar!
Jeder hat sein Ideal, seine Richtung – diese Klarheit im Spiel ist meine, da will ich hin und mit diesem Stipendium würde ich einen Schritt weiterkommen.

Beim Schreiben der Bewerbung fing es bereits ordentlich an zu kribbeln und als ich schließlich das O.K. bekam, befiel mich die totale Euphorie!
Als ich auf dem Flughafen in Mailand feststellte, dass in Italien kein Mensch Englisch spricht, wurde dann auch reichlich Adrenalin durch meinen Körper gepumpt! Aber ich hatte ja eine Wegbeschreibung und so kam ich bis nach Grugliasco, einer kleinen Stadt im Umland von ­Turin, wo unsere Unterkunft und der Proberaum sein würden.
Am Abend dann das erste gemeinsame Kennenlern-Abendessen in einem Restaurant.
Vom Controluce Teatro d'Ombre aus Turin kamen Jenaro
Melendrez Chas, künstlerischer Leiter des Festivals INCANTI und Initiator der Workshops; Alberto Jona,
Mitorganisator, und Guilermo Pivari, der unserer Truppe als Techniker angehören würde und darüber hinaus die ganze Zeit hindurch als unser persönlicher Betreuer nie zu schlafen schien und alles, was irgendwie gebraucht, wurde herbeischaffte und unermüdlich dafür sorgte, dass „alles gut“ war.
Neville Tranter kam natürlich und die anderen Stipendiaten, das waren:
Elena und Carolina, beide Schauspielerinnen mit Erfahrung im Figurenspiel.
Paolo, dessen Eltern Puppenspieler sind, der aber erst nach seinem Germanistikstudium gemerkt hat, dass die Eltern einen großartigen Beruf haben und Alessandra, die gerade ihr Visual Arts Studium abgeschlossen hat.
Ein zusammengewürfeltes Trüppchen und eine ulkige
Situation:
Rechts von mir saßen vier junge Italiener, die sich alle nicht kannten, aber durch ihre gemeinsame Muttersprache schnell ins Gespräch kamen und munter drauflos schwatzten.
Links von mir unterhielten sich Neville und die Contro­luce-Leute, die sich kannten, sich aber lange nicht
gesehen hatten, dazwischen saß ich – wie würde das nur werden?
Mein Unbehagen war aber nur von kurzer Dauer, es wurde ein netter Abend und wir konnten den ersten Probentag kaum erwarten.

Die ersten drei Tage arbeiteten wir mit Zeno, der Puppe, die Neville in allen seinen Kursen begleitet.
Zeno ist ein wunderbarer Charakter. Es gibt kaum etwas, das man mit ihm nicht machen könnte, keine Rolle, auf die er nicht passte.
Allein und in Zweiergruppen erarbeiteten wir kleine Spielszenen, in denen wir Nevilles Arbeitsweise kennen lernten und Praxis im Umgang mit seinen Puppen
bekamen. Drei Tage Technik des Figurenspiels.
Für mich war es eine Wiederholung des Workshops „The Power of the Puppet“, ein unerwartetes Wiedersehen mit Zeno und eine willkommene Möglichkeit, alles noch einmal zu vertiefen.

Während dieser ersten Zeit lernten wir nicht nur Zeno immer besser kennen, sondern auch uns.
An diese Stelle gehört nun ein dickes Lob an die großartige Organisation des gesamten Festivals im Allgemeinen und des PIP (Progetto INCANTI Produce) im Besonderen.
Wir waren alle unter einem Dach untergebracht, jeder hatte sein eigenes Appartement, so dass wir vom Aufstehen bis zum Schlafengehen zusammen waren. Dadurch hatten wir schon nach wenigen Tagen das Gefühl, uns schon ewig zu kennen und die Zusammenarbeit funktionierte immer besser.

Am vierten Tag kam Zeno in seinen Koffer und wir begannen mit dem Frankenstein.
Zuerst ohne Puppen, wir lasen den Text und machten Sprechproben, wobei es aber nicht sosehr um die Stimme ging als viel mehr um die Sprechweise, also Duktus, Sprachcharakter. Spricht die Figur schnell? Laut oder vielleicht gefährlich leise?
Dabei stellte sich ziemlich bald heraus, dass Englisch nicht die geeignete Sprache für Italiener ist! Wir einigten uns darauf, Schlüsselsätze auf Italienisch zu bringen.

Nun kamen auch endlich die Figuren aus ihren Säcken: Doktor Frankenstein, Anna, seine Tochter, das Monster und Cornerman. Dazu kam Hans Ruedi, eine Schauspielrolle.
Da wir fünf Spieler waren schlug Neville vor, jede Figur zu zweit zu spielen und, um das Ganze noch schwieriger zu machen, sollte einer sprechen und der andere den Kopf führen.
Diese Art zu spielen war für uns alle eine große Herausforderung! Es ist unglaublich schwierig, zu zweit eine organische Bewegung zu erzeugen. Damit es nicht aussieht, als wisse der linke Arm nicht, was der rechte tut, muss man sich als Einzelperson ganz zurücknehmen und mit dem Partner zu einem gemeinsamen Rhythmus finden, sodass die Bewegung des Körpers mit dem Duktus der Sprache eine harmonische Einheit bildet und das Ganze jetzt, bitteschön, auch noch lippensynchron!
Vor allem das Sich-Selbst-Zurücknehmen erwies sich als schwierig, wir waren alle Solospieler!
Als am Ende der ersten Probenwoche feststand, dass wir den ganzen Text auf Italienisch bringen würden, kam mir die Trennung von Sprecher und Spieler aber sehr zugute. Um das Playback überzeugend spielen zu können, musste ich zwar den Text lernen, aber doch mehr auf der Basis von Rhythmus.
In der Zeit zwischen den einzelnen Probenwochen blieben wir via Internet verbunden und natürlich auch in Gedanken, denn jeder von uns probte das Stück zu Hause im Kopf weiter. Als wir uns wieder trafen, war es so, als hätten wir uns nur für ein Wochenende getrennt und die Arbeit setzte da wieder ein, wo wir sie unterbrochen hatten.
Nichts ging verloren, Nevilles Regieanweisungen waren so schlüssig, die erarbeiteten Choreografien so klar, dass es einfach stimmte und sofort im Kopf blieb.
Nur ein Song sperrte sich, wurde immer mal wieder umgestrickt und erst ganz kurz vor der Generalprobe machte es plötzlich „klick“.

Die Proben waren äußerst intensiv und körperlich anstrengend. Die Figuren waren schwer und wenn man eine Szene zum 25. Mal durchging, hatte man das Gefühl, gleich fällt einem der Arm ab oder, viel schlimmer noch: das wird nie was!
In den letzten Tagen kam die Technik dazu, Musik musste auf den Punkt genau eingespielt werden und jede Bewegung, jede Drehung, jede Starre bekam ihren Rhythmus und ihre Zeit, kein Wischiwaschi auf der Bühne, alles klar und entschieden (einen Abgang habe ich sicher 100-mal gemacht bis es dann so leidlich gestimmt hat!).

Als dann „der große Tag“ da war, habe ich eine wunderbare Erfahrung gemacht: wir waren wirklich fertig! Ich war ganz ruhig, hatte nicht das Gefühl, eigentlich bräuchte man noch eine Woche! Nach nur zweieinhalb Wochen Probenzeit standen fünf Spieler und ein Techniker, die sich vorher noch nicht einmal kannten, auf der Bühne wie ein Mann und spielten souverän ein Abendstück. Das war ein unbeschreiblich großartiges Gefühl!

Insgesamt haben wir drei Mal vor Publikum gespielt, immer mit Erfolg.
Neville hat die Figuren dem Puppentheatermuseum von Grugliasco überlassen und uns freigestellt, das Stück weiterzuspielen (und Jenaro promotet es bereits).
Aber ob es nun weitere Aufführungen geben wird oder nicht, wir sind alle um eine ganz wichtige und intensive Erfahrung reicher, die auf jeden Fall unseren weiteren Weg beeinflussen wird!


PIP – Progetto INCANTI Produce

INCANTI ist ein jährliches internationales Figurentheaterfestival in Turin, d a s Festival in der Region Piemont. (www.festivalincanti.it) Organisation und künstlerische Leitung liegen beim Controluce Teatro d'Ombre. (www.controluce.org)
Anlässlich des Festivals wird jedes Jahr ein Künstler eingeladen, der mit Studenten und Puppenspielern eine Werkstattproduktion erarbeitet, die auf dem Festival gezeigt wird. Das Festival stellt einen Proberaum, gewährt freie Kost und Logis sowie freien Eintritt zu allen Veranstaltungen des Festivals. Als Gegenleistung verpflichtet sich der Stipendiat, an allen Proben und der abschließenden Aufführung teilzunehmen.
Nun ist das Stipendium schon an sich mehr, als man irgendwo sonst geboten bekommt! Dazu kommt eine Organisation, die bis auf das i-Tüpfelchen stimmt und so viel menschliche Wärme, dass man sich bei guten Freunden nicht besser aufgehoben fühlen kann! Ich habe Turin nur sehr ungern verlassen!

erschienen in Puppen, Menschen & Objekte, 2009/2, Nr. 101